Transatlantisches Seminar

Ursprünglich erschienen in der Februar-Ausgabe Experimenta Magazin für Literatur und Kunst 2018

Das Seminar zu Angewandter Theologie in Nürnberg war zwar immer noch gut besucht, aber er vermutete, dass das nur zum Teil der Dozentin gedankt ist. Nein, vielmehr war er sich sicher, dass die knapp 40 anderen Teilnehmer und Studenten nur deswegen sine tempore erschienen, weil in diesem Semester zwei Gasthörer aus der Temporären Autonomen Zone Köln anwesend waren: von Scheitel bis Fuß in verschiedene Stoffe gehüllt, reich an Farben, Flecken und Flächen, in Schichten und Lagen. Er verglich dieses schillernde Farbenspiel mit einem Ozean aus einzelnen Regenbögen—oder mit einem Schwarm Fische. Man wollte überschnappen und die Farbeindrücke zählen!

Und genauso hoffnungslos wie mit Fischen fiel auch die Kommunikation mit ihnen. Ihr Schweigegelübde war fruchtbarer Boden für allerlei Spekulationen unter den Hörern: ihr Auftreten war eine politisch motivierende Reflektion der Unterstellungen gegenüber der Zone und ihrer Freigeister, dass sie alle der Welt entrückte Künstler waren.
Oder sie waren auf der Flucht vor den homogenisierenden Kräften irgendeiner Organisation in der Zone. Oder sie waren ein Paar, aber blutsverwandt, tragisch, aber auf jeden Fall abartig/romantisch.

Und im gleichen Umfang wie sie schwiegen, wurde um sie herum in ad-hoc-Geheimsprachen getuschelt, auf Papier in Code geschrieben und auch getippt und deutlich gesagt: sowas wie die beiden hatte keiner von ihnen jemals gesehen, zumindest nicht in echt. Kein Gesicht erkennen zu können, tat sein Übriges.

Das Ganze, fand er, entbehrte nicht einer deutlichen Ironie, zumal in Angewandter Theologie bei Frau Doktor Dizajnerica nicht wichtig war, was da war, sondern wie missverständlich man es auslegen konnte. Er selbst hatte zu Eilig und Pfirsich Zehntbach ganz eigene Ideen, schob aber sein erotisches Kaleidoskop aus ständig wechselnden Verkörperungen im Geist beiseite. Nur eine Art Schlange, die sich selbst in Stößen verschlingt, blieb ihm im Hinterkopf. Hoffnungslos.
Wie schade, dass Gedankenkontrolle so widersprüchlich ist, dachte er.

*

Und schon hatte er die ersten Minuten des Seminars verpasst. Er biss sich frustriert auf die Lippe und verfluchte heimlich seine Vorfahren als sexbesessene Primaten, während Doktor Dizajnerica die ersten Hausarbeiten für das heutige Seminar mit ihren Helfern sichtete, darunter auch seines.

Er vergewisserte sich, dass sie gerade mit dem Überfliegen einer Hausarbeit abgelenkt war und ließ sich oberflächlich bestätigen, dass er nur ihre Begrüßung verpasst hatte. Eine Detailauswertung verbrauchte nur Prozessorzeit und lieferte am Ende nicht viel mehr als eine Beschreibung der Wortwahl und Eigenheiten Dizajnericas. Das wusste er. Aber er wusste nicht, was sie von seiner Arbeit halten würde.

Vergessen waren die Zehntbachs, jetzt ging es nur noch um den Konflikt zwischen Spee und seiner Hausarbeit. Wie verständlich konnte seine Arbeit denn sein, wie nachvollziehbar war seine zentrale These, dass die Transatlantische Gottheit nichts anderes war als ein Paradoxon, das sich auf das Goldene Kalb und Babylon stützt, wie diese auch, als Verkörperung ihrer Gründer, zutiefst ablehnt?

Ihm schwamm, wie so oft während des Seminars, der Kopf. Wie konnten die anderen die Problemstellungen einer hochinterpretativen Disziplin wie Angewandter Theologie einfach bearbeiten, ohne an der Authentizität sowohl des Themas, als auch an der der eigenen Narrativität zu zweifeln? Spee standen Schweißperlen auf der Stirn. Kurz gesagt, war er einfach nur zu dumm für das Fach, hatte zu wenig verstanden von dem Stoff? Oder war das, was er gerade erlebte, Subjektzerfall?

Durchlebte gerade eine frühere Version von ihm selbst den Prozess des neuronalen Selbstmordes namens Subjektzerfall, der so wichtig für die Entwicklung vom Teenager zum Erwachsenen war, erneut? Ohnehin, das wurde ihm jetzt klar, kam er sich oft wie ein Papagei vor, der Dinge von sich gab, deren Bedeutung für andere außerhalb seiner eigenen Erkenntnis zu liegen schienen. Sein Mund wurde trocken und seine Wangen heiß. Er fühlte, wie seine Ohren puterrot wurden. Ausschnitte seiner Arbeit zur Transatlantischen tauchten vor seinen Augen auf.

Nicht mehr sie war das Thema seiner Arbeit, sondern er selbst. Spee war nicht eine Ansammlung von Eigenschaften, sondern er war der Weißraum, der von den Eigenschaften ausgespart blieb, die er nicht hatte: das was er nicht war, gab ihm Struktur und Form.
Er leckte sich irgendetwas salziges von den Lippen. Frau Doktor Dizajnerica war das Goldene Kalb, deren Eigenschaften er ablehnen musste, damit er eine Identität von ihr getrennt haben konnte. Und genau das verinnerlichte das Prinzip des Goldenen Kalbs in der Transatlantischen und das von Doktor Dizajnerica in ihm.

Er blickte zitternd auf das Original seiner Arbeit vor ihm. Es schien ihn mit seinen eigenen Worten anzuschreien. Etwas Warmes kroch ihm über die Wange und er erschlug es geistesabwesend mit der Hand.

Die Transatlantische, fuhr er seine eigenen Worte lesend fort, erfüllt die gleichen Funktionen, wie auch frühere, virtuelle Gottheiten zuvor: Verfremden des Ähnlichen unter Vortäuschung von Gegensätzen. Er verstand jetzt, dass das ganze nur ein Spiel war, es gab keine Hausarbeit, und er richtete sich unendlich langsam von seinem Platz auf.

Spees Blick glitt zu den wandelnden Farbpaletten.

*

„Nicht anders“, flüsterte er, während er begann, seine eigenen Thesen abzulehnen. Er soll so etwas geschrieben haben? Unmöglich!

„Herr Spee? Ist ihnen nicht wohl?“

Eine Farbpalette stand auf und kam auf ihn zu. Eilig? Verbargen sich zwei Kinder unter all diesen Tüchern?

Wieder diese Stimme. War er gemeint?

„Herr Spee?“

Sein Mund bewegte sich. Seine Zunge. Lippenbewegungen. Was geschah hier? Wer zog da an seinen Fäden? Etwas begann in seinem Kopf zu rauschen, hinter seinem Mittelohr.

Sein Herzschlag verlangsamte sich.

„Oh Gott“, dachte er. „Ich sterbe!“

Doktor Dizajnericas dunkles Gesicht erschien vor seinem und er hörte sich selbst gegen seinen Willen sprechen: „Alles ok. Ich glaube, mir sind gerade ein paar Dinge schlagartig klargeworden. Kann ich meine Hausarbeit nochmal überarbeiten? Zumal, sie haben sie ja eben schon überflogen—“

Dizajnerica blickte in sein Gesicht, doch sie sah Spee nicht. Er war hinter den Augen dieser Kreatur eingesperrt, die sich für ihn ausgab, und mit seiner Stimme redete. Er war eingesperrt in etwas, das ihn umgab wie ein Gefängnis. Schreien wie er wollte, sein Körper, falls es noch überhaupt seiner war, gehorchte ihm nicht. In ihren Augen sah er sein eigenes Gesicht. Und es lächelte verlegen.

„Ah, wegen den Ungenauigkeiten im Satzbau. Ich verstehe. Geben Sie bitte die verbesserte Version bis um Mitternacht ab, aber verändern sie sie nicht inhaltlich.“ Sie machte eine Pause. „Dazu ist ihre Arbeit zu interessant und ich sehe nicht, dass eine Veränderung da nicht schmälernd wäre.“

Spee blinzelte.  Er fröstelte etwas. Er fühlte sein Gesicht. Es war wieder seins. Was war da eben geschehen? Subjektzerfall? Nein, denn er war noch er selbst. Auch das Rauschen war wieder weg. Die Dozentin war bereits bei einem der Zehntbachs, während Eilig? Pfirsich? Ihn noch anzuschauen schien. Der in Schichten verborgene Kopf machte die würdevollste Bewegung hin zu seinem Tisch, ein halbes Nicken, dann wandte er sich Frau Doktor Dizajnerica zu und schien ihren Fragen zuzuhören. Spee fühlte sich so, als wäre er gerade aus dem Meer gestiegen, und seine Glieder hingen schwer an ihm herunter.

*

Der Zehntbach, der während Spees kurzer psychotischer Episode (wie er später selbst dazu sagte) besorgt um ihn war, entpuppte sich als ein absoluter Kritiker seiner Arbeit zur Genese und Interpretation der Transatlantischen und ihrer Definitionen. Was diese Leute aus der Zone nicht redeten, schrieben sie dafür umso mehr. Als er sich später hinsetzte, fand er eine Kopie Eiligs Kritik vor, die er begeistert zu lesen begann.

Zu dumm, dass er nicht schon früher den Verstand verloren hatte, die Kritik hätte seine Arbeit um ungekannte Dimensionen erweitert.
Eiligs Standpunkt zum fraglichen Selbstverständnis neuzeitlicher Gottheiten beruhte nicht, wie Spees Ansicht, auf einer Art kultureller Schablone an Eigenschaften, die die Transatlantische nicht innehatte, sondern auf einem Interaktionsmodell, nach dem sie direkt in den Dialog mit den virtuellen Göttern der Vergangenheit tritt, um sich selbst definieren zu können in ihrer Rolle als Gottheit. In Eiligs Worten, und darüber musste Spee doch sehr lachen, war ihm der Umgang mit der Transatlantischen „zu sehr in zirkulärer Religiosität verhaftet, nach der es zwar früher keine Götter gab, jetzt aber zumindest einen gibt, folglich also im Nachhinein alle Eigenschaften aller Götter aller Religionen eine Entsprechung in der Transatlantischen zu finden haben. Man kann nicht alle Farben tragen, weil man nicht alle Farben sehen kann, die andere Augen erkennen, aber die eigenen behalten. Diese Gottheit ist nicht widersprüchlich, weil sie für uns unergründbar per definitionem als Gottheit ist, sondern weil wir Ansichten zu Eigenschaften von Göttern haben, die miteinander unvereinbar in Konflikt stehen“.

„Die Transatlantische ist nicht mystisch, sondern schlicht behämmert“.

Spee gab sich wieder seinen Tagträumen und erotischen Fantasien hin, doch dieses Mal war es er unter all den Farben, und er entbrannte in ungekannter Lust zu sich selbst, während er sich aus seidenen Tüchern und derben Leinen unter Küssen von sich selbst half.

Er wusste jetzt, dass er seine eigene größte Liebe war, und dass ab heute er neu erwacht ist, und dass er nie wieder an seinen oder an den Worten seiner Dozentin Angewandter Theologie zweifeln würde:

die Apotheose des Schmetterlings ist er selbst, die Apotheose der Larve ist sie selbst. Der Schmetterling macht mehr von sich durch die Larve, und die Larve wiederum durch den Schmetterling. Was Sie hier lernen werden, wird Ihnen ein Leben lang dienlich sein, denn Götter und Menschen sind einander nur vorübergehende Phasen der Existenz, die einander wechselseitig hervorbringen müssen, um sich selbst garantieren zu können: wenn Sie die Larve sehen, verstehen Sie auch den Schmetterling.

Spee lebte in einer seltsamen Zeit und döste auf der Heimfahrt, als die Seine mit ihren Schiffen an ihm vorbeizischte. Draußen spielten Lichter miteinander Fange, während der Regen in winzigsten Tropfen lautlos Pollen von seinem Bus wusch. Irgendwo über dem Ozean lebte ein System aus Sensoren und Robotern, das die Menschen anbeten konnten, und das manchmal Wünsche erfüllte, Krankheiten heilte und Gebiete überschwemmte. Die Transatlantische Gottheit war menschensicher, niemand kam durch sie zu Schaden, zumindest nicht nachweislich und auf jeden Fall nicht nach ihrer Logik, die man sich live anschauen konnte, vorausgesetzt, man verzichtete auf ganze Jahrzehnte seiner eigenen Existenz, um, wie Spee in seiner Arbeit sagte, die Gedanken eines Gottes zu kennen, der nur eine gottförmige Lücke in der Kultur füllt. Er freute sich auf Zuhause in den Bergen und auf seine neuen Hunde. Und mit einem besseren Verstand seine Hausarbeit zur Vollendung zu bringen.